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Aus der Reihe "Früher war mehr Lametta"

Aus der Reihe "Früher war mehr Lametta"

Amerikanische Software-Riesen verklären ihren Start gern mit ihrer Pionierarbeit in der legendären Garage. Für capella-software dagegen begann alles in einem Geräteschuppen auf Sjællands Odde an der dänischen Ostseeküste, und das kam so:

Als Musiklehrer wunderte ich mich immer wieder darüber, dass im Fach Harmonielehre fast alle Schüler die gleichen Schwierigkeiten hatten. Weit unterhalb der Schwelle von Inspiration und Kreativität unterliefen ihnen bestimmte handwerkliche Fehler im Akkordaufbau und der Fortschreitung – jeder Harmonielehrestudent kennt diese Klippen. Das Regelwerk der funktionalen Harmonielehre ist bekanntlich ein vergleichsweise gut strukturiertes System. Das brachte mich auf die Idee, so etwas müsse sich doch als kleiner Lernspaß auch in Algorithmen ausdrücken lassen!

Zwar gehörte ich seit Mitte der 1980er Jahre zur winzigen Minderheit der Computerbesitzer in Deutschland, von Programmentwicklung hatte ich allerdings keinen blassen Schimmer. Wie gut, dass meine Familie damals den Sommerurlaub im Ferienhäuschen neben der Familie meines Freundes aus Kindertagen, dem Siegener Matheprofessor und Informatikfachmann Hartmut Ring, verbrachte! Während Ehefrauen und Kinder im Wasser planschten, saß ich im Geräteschuppen an Hartmuts Atari und bastelte an ganz primitiven Übungen in Pascal. Gelegentlich schaute mir Hartmut über die Schulter und wies mich sanft in die richtige Richtung. Im Schuppen lagerten Lösungsmittel und Farben, die in der brütenden Sommerhitze einen berauschenden Duft abgaben. Solcherart narkotisiert ließ mich die Programmiererei vorerst nicht mehr los. Noch heute entstehen beim Aufenthalt in einem Baumarkt – Abteilung Farben und Lacke – in meiner Vorstellung die damaligen abenteuerlichen Welten aus Variablen, Prozeduren und Funktionen.

Die Begeisterung überstand den Urlaub, so dass ich wenig später zu Hause am Schneider-PC  nicht davor zurückschreckte, mit Turbo-Pascal eine kleine Tonsatzsoftware zu schmieden. Hartmut half mir über manche Klippe hinweg und stellte mir in treuen Freundschaftsdiensten uneigennützig auch die eine oder andere fertige Routine aus seinem Fundus zur Verfügung. Der Austausch von Zwischenergebnissen und deren Korrektur  geschah zwischen Söhrewald und Siegen per Brief; dazu gab es unter Ausnutzung des verbilligten „Mondscheintarifs“ nächtlichen Telefonsupport.

So entstand in wenigen Wochen das Ur-tonica 1.0. Im Haushalt meiner Schüler tauchten die ersten PC auf, und damit wurden die angehenden Abiturienten die ersten (nichtkommerziellen) Anwender dieser aus heutiger Sicht unfassbar simplen Software. Schnell fand die tonica-Diskette weitere Freunde und nach einigen Korrekturen ließ sie sich sogar für ein paar Mark verkaufen. Jetzt mussten nur noch ein Vertriebskonzept und ein Firmenname her, doch das ist eine andere Geschichte…

Von Hans-Ulrich Werner (gemeinsam mit Ehefrau Edita Werner Gründer und bis 2011 am Steuerruder von capella-software).

7. Januar 2015, von Hans-Ulrich Werner

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