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Beethoven und ich

Beethoven und ich

Als Geigenstudent wühlte ich mich in den 1960er Jahren an der Hand meines Lehrers durch die große Violinliteratur. Schade war nur, dass ich die wirklich spannenden Werke, die Violinkonzerte der Klassik und Romantik, bestenfalls mit meiner Klavierpartnerin markieren, meistens aber überhaupt nicht im vollen Klang spielen konnte – wer würde einem hoffnungsvollen Adepten hierfür ein geduldiges Sinfonieorchester zur Verfügung stellen?

Music Minus One

Zwar gab es die Schallplattenreihe music minus one; hierbei legte man eine Vinylplatte auf den Teller, bei deren Aufnahme das Soloinstrument weggelassen worden war. Bei der Wiedergabe galt es, tapfer das unerbittlich straffe Tempo zu halten sowie Agogik und Phrasierungen von der Interpretation sklavisch zu übernehmen. Was mich ebenfalls enttäuschte: Die meisten Einspielungen gab es von uninteressanten Werken, und man musste die Solo-Noten ein weiteres Mal kaufen, denn blanko gab es die Schallplatten nicht. Am schlimmsten wurde es bei der Solokadenz gegen Ende des ersten Satzes. Nach dem obligatorischen Quartsextakkord hörte man für einige Minuten nur das Schaben und Knistern des Tonarms – das Orchester schwieg natürlich. Wenn die vorgeschriebene Anzahl Takte vorbei war, natürlich gemessen an der Kadenz in den mitgelieferten Noten und nicht meiner eigenen, setzte das Orchester gnadenlos mit dem Schlusstutti ein – egal, ob ich noch im lyrischen Mittelteil oder schon in der Nähe des Schlusstrillers angelangt war.

[Handgelenk mäßig, aber ansonsten voll dabei: Der Autor 1962 beim Vivaldi-Doppelkonzert in a-Moll.]

Band in a Box

Damals phantasierte ich mir eine Kiste zusammen (1965 dachte man in Hardware-Kategorien), in der ein synthetisches Orchester saß, dem man mit ein paar Knöpfen an der Vorderwand der Kiste Beine machen konnte. Ein Knopf war für die Literaturauswahl zuständig, ähnlich wie bei den Musicboxen der 1950er Jahre; mit einem anderen regelte man das Grundtempo sowie die kleineren Binnenritardandi; die Kadenz schließlich überbrückte man durch eine sehr dezente metrisch gespielte Begleitakkordik, ähnlich wie bei den Accompagnato-Rezitativen. Diese Akkordik sollte die Kiste aus der Melodiesubstanz der Solostimme generieren.

Patentieren ließ sich die Kiste leider nicht, denn das Patentamt befasst sich nicht mit Ideen, sondern mit Verfahren. Ein Verfahren zur Umsetzung meines Luftschlosses konnte ich dem Patentamt jedoch nicht bieten. Nur die Idee dahinter spukte weiter in meinem Kopf.

Ein halbes Leben später...

...spielte ich immer noch Geige und war jetzt Chef von capella-software. Mein guter Kollege und Autor Richard Koch hatte Erfahrung mit Sequenzersoftware (capriccio) und Klangsynthese. Jetzt legte ich ihm meinen Jugendtraum auf den Schreibtisch und er schaffte das  schier Unmögliche: Zwar keine Kiste, aber eine smarte Software, die genau meinem gedanklichen Pflichtenheft entsprach (und bis heute entspricht): Freie Literaturauswahl nach capella- oder anderen Vorlagen, freie Gestaltung von Tempo, Rubati und Ritardandi, Ausbalancieren der Lautstärkeverhältnisse, sogar Metronom und Einzähler, Transposition für meine Ein-Personen-Schubertlieder-Abende und manches mehr. Bei Bedarf gieße ich ein wenig gnädigen Hall über die Partitur und lasse das Endergebnis im Klang des fabelhaften capella Vienna orchestra erstrahlen. Und die Kadenz? Wer sich scheut, einen fast unhörbaren minimalistischen Begleitsatz als Unterfutter zu schreiben, der spannt tonica für seine Dienste ein.

Richtig krachen lassen!

Natürlich musiziere ich heute die Schostakowitsch-Sonate am liebsten mit meiner Klavierfreundin und im Weihnachtsoratorium bin ich gerne die Nummer 27 hinten links. Wenn ich es aber einmal richtig krachen lassen will, dann komplimentiere ich meine Frau in ihr Arbeitszimmer, hole das Beethovenkonzert oder die Romanzen aus dem Notenregal, stelle den Notenständer zwischen die Boxen, schicke meine capella-playAlong-Aufnahme per iPhone auf die Stereo-Anlage und lege los: Jetzt gibt es nur noch Beethoven und mich!

3. Juni 2015, von Hans-Ulrich Werner

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