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Die Klavierlehrerin

Die Klavierlehrerin

Meine erste Klavierlehrerin

Als ich neun Jahre alt war, sollte ich nun Klavierunterricht erhalten. Es gab damals nicht an jeder Ecke eine Musikschule; wir fanden eine "staatlich geprüfte Klavierlehrerin", die in ihrem Häuschen am Stadtrand unterrichtete. Sie war eine kleine, ältere Dame mit strammer, silbergrauer Dauerwelle und schon ein wenig Gicht in den Fingern. Dennoch ließ sie sich mit "Fräulein" anreden. Für Ihre Bemühungen in der wöchentlichen Stunde verlangte sie 50 D-Mark pro Monat.

Das Fräulein

Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass ihr Unterricht wirklich nicht besonders attraktiv war. Ein Wunder eigentlich, dass ich bei der Stange blieb. Die Musikgeschichte hörte bei ihr mit der romantischen Periode auf. Sie fing aber auch erst mit der Klassik an.

Titelbild

[Das trostlos-graue Titelbild des alt-ehrwürdigen Sonatinenalbums von Heller, das wohl jeder Klavierschüler hatte.]

Das jüngste Werk, das ich dort gespielt habe, war von Grieg, alles andere war Mozart und Beethoven, Czerny und das Sonatinenalbum rauf und runter. Zu Bach kamen wir dann endlich im fünften oder sechsten Jahr.

...ist von gestern

Aber auch in manch anderer Hinsicht war sie ein wenig "von gestern". Einige Male erwähnte sie, dass ja doch früher "nicht alles schlecht" gewesen sei "im dritten Reich" und so manche ihrer Geschichten müsste man heute als Leugnen des Holocaust ahnden. Da ich aber als Kind das alles ohnehin nicht verstand, fühlte ich mich sehr wohl bei ihr. Sie war wie eine liebe Omi, gar nicht streng, aber herzensgut mit den Kindern, die zu ihr geschickt wurden. Wenn ich fleißig geübt hatte, schenkte sie mir Schokolade, Milka Naps. Wenn nicht, erhielt ich ein paar gut gemeinte Ermahnungen.

Rebellion des Teenies

Als ich 17 war, fand ich, dass ich noch andere Aspekte des Klavierspiels kennen lernen sollte. Meine Klavierlehrerin aber verstand die Welt nicht mehr. Warum wollte ich sie verlassen? Was sollte es geben, das sie mich nicht lehren konnte? Wir trennten uns uneinig und sahen uns nie wieder.

Den Horizont erweitern

Ich habe dann in der Rest-Schulzeit und im Studium drei weitere Klavierlehrerinnen und -lehrer "verschlissen", und von jedem konnte ich etwas mitnehmen. Jeder setzte andere Schwerpunkte, vermittelte andere Techniken. Werke von Debussy oder Martinu hatte ich vorher nie gespielt. Mit manchem konnte ich mehr, mit anderem weniger anfangen, aber es war doch gut, den Horizont erweitert und eine zweite oder dritte Meinung gehört zu haben.

Besser wird's nicht mehr

Dann machte ich schließlich an der Uni meine Abschlussprüfung am Klavier mit Werken von Händel, Liszt und Reger. Ich hatte dafür viel gearbeitet und mir war jetzt schon klar, dass ich diesen Leistungsstand später im Berufsleben nicht mehr würde halten können: Dies war der Höhepunkt und das vorläufige Ende meiner Klavier-Karriere. Die Prüfung habe ich bestanden.

Späte Versöhnung - etwas einseitig

Einen Tag nach der Prüfung erfuhr ich, dass die Frau, die meine erste Klavierlehrerin war, in hohem Alter gestorben war (schon wieder ein Todesfall in meinem Blog-Beitrag). Sie war schon ein paar Tage vorher gestorben, aber nun stand es in der Zeitung. Ich möchte glauben, dass die, die von uns gehen, uns fortan aus dem Himmel zusehen können. Nach dieser Anschauung wußte sie also jetzt, dass das, was sie mit mir begonnen hatte, zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen war. Damit war für mich ein Lebensabschnitt versöhnlich beendet.

Erst Jahre später fing ich wieder an, aktiv Klavier zu spielen und zwar so, wie es mir Spaß machte. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

 

18. Juni 2015, von Christiane Ernst

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