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Freud und Leid beim Übersetzen

Freud und Leid beim Übersetzen unserer Programme

Ein Programm übersetzen – das sagt sich so leicht. Einfach aus deutschen Texten englische machen. Kann doch nicht so schwer sein, hast Du doch gelernt, machst Du doch ständig. Das Thema ist schließlich bekannt. Geschmeidige englische Sätze aus deutschen bauen, kein Problem! Und außerdem gibt es gute Onlinewörterbücher zuhauf (Ich schwöre auf www.linguee.de). Also, nichts wie ran und schnell mal eine englische Version aus dem Boden gestampft!

Zuerst schnell das Handbuch….

Na ja, so geht es dann doch nicht. Okay, die Sprachkenntnisse sind da. Ja, was eine Quintparallele ist, ist mir auch bekannt. Aber die allererste Tücke ist das merkwür­dige Dateiformat, in dem ich arbeiten muss. Ein Dateiformat, das in der Lage ist, später einmal sowohl ein Handbuch als auch die Onlinehilfe im Programm zu generieren. Ich beginne damit, dem deutschen Handbuch einen englischen Namen zu geben. Dann schaue ich mir mit wachsendem Unwohlsein alles an: Da gibt es rote, gelbe, grüne, blaue und schwarze Einträge. Nicht zu vergessen die Sprung­marken! Groß- und Kleinbuchstaben, unterschiedliche Schriftarten, fett, kursiv, grau Unterlegtes…. Schwarzes muss übersetzt werden. Grünes auch. Aber keine eckigen Klammern löschen, sonst funktionieren die Querverweise nicht. Rotes nicht anfassen!! Graues weigert sich, angefasst zu werden. Werden Sprungmarken (winzig klein, grau, mit bloßem Auge kaum zu erkennen) gelöscht, funktioniert das Springen zu einer Erklärung in der Onlinehilfe nicht mehr. Alles schon passiert, dann schimpft der Autor…. Hilfe! Ich will doch nur Text übersetzen!

…oder doch nicht so schnell?

Im Ernst: Die erste Schwierigkeit ist wirklich, dass ich nicht englischen Text im Fluss produzieren kann. Nein, ich muss mich im komplizierten Gewirr des oben liebevoll beschriebenen Formats sicher bewegen und bei der Übersetzung sämtliche Formatierungsvorgaben einhalten. Dies führt dazu, dass der gute Übersetzungs­gedanke manchmal entfleucht, während ich grüne eckige Klammern neu setze.

Gut: Mit dem Format habe ich mich auseinandergesetzt, und wir haben uns aneinander gewöhnt. Dann kann es jetzt richtig losgehen. Grundvoraussetzung für ein gut verständliches, eindeutig formuliertes englisches Handbuch ist die Qualität des deutschen Handbuchs. Gelobt sei der Programmautor, dem es gegeben ist, klar zu formulieren (Gottlob sind das alle unserer Autoren, aber es gibt graduelle Unterschiede….!)!

Habe ich verstanden, worum es geht, mache ich englischen Text daraus. Ja, manchmal ist es so einfach. Teile des Handbuchs beschäftigen sich ja mit solch grundlegenden Dingen wie Speichern, Umbenennen, Öffnen, Suchen, Exportieren etc. Das ist entspannt, und da flutscht es auch. Ruckzuck sind ein halbes Dutzend Seiten übersetzt. Das ist schon fast ein wenig eintönig…

Weiterbildung inbegriffen

Aber es gibt auch die anderen Dinge. Komplizierte musikalische Sachverhalte, knifflige Detaileinstellungen, gar völlig neue, noch nie dagewesene Konzepte und Möglichkeiten. Da kommt es vor, dass ich lange daran herumknobele zu verstehen, was denn gemeint ist, gerne auch mal die Kolleginnen oder direkt den Autor frage. Wenn dann solch ein Satz gut übersetzt ist, kommt das erste kleine Glücksgefühl auf. Allerdings ist vielleicht auch inzwischen schon eine halbe Stunde vergangen…

Die Herausforderung schlechthin ist, wenn in einem Programm Arbeitsmöglichkeiten, Gedankengänge, Vorgehensweisen beschrieben werden, die es so noch nie gab. Wenn der Programmautor schon im Deutschen neue Ausdrücke erfunden hat, um den Sachverhalt zu verdeutlichen. Dann kommt noch eine Hürde mehr dazu: Nachdem ich im Großen und Ganzen verstanden habe, worum es geht, muss ich einen passenden englischen Begriff finden. Manchmal auch erfinden…

Phantasie gefragt…

Ein Beispiel: Dreh- und Angelpunkt im Programm capella wave kit (an dessen Übersetzung ich gerade arbeite) ist der „Tonteppich“. Er sieht tatsächlich aus wie ein Flickenteppich und bieten direkten Einblick in die polyphone Tonstruktur einer Wave-Datei. Aus dem wurde flugs ein „sound carpet“. So weit, so gut. Aber was um Himmels willen sind „unsaubere Ein- und Ausschweller?“. Haben Sie eine Idee? Gemeint sind z.B. bei Gesang unsaubere Tonanfänge und -enden und damit Schwankungen in der Tonhöhe, die bereinigt werden müssen, um die richtigen Töne für die Notation abzuleiten. Ach so. Gibt es hier eine englische Entsprechung? Mitnichten! Also: Begriffe erfinden. Das Gold, das ich geschürft habe, ist: „Inexact singing at the beginning and the end of a tone”. Hurra! Schnell ins Wörterbuch damit und nie mehr anders übersetzen!!

Parallel zu meiner Übersetzungsarbeit wächst nämlich mein eigenes, kleines Spezialwörter­buch. Dort horte ich meine wertvollen Wortneuschöpfungen, notiere aber auch so simple Dinge wie: „Bereich“ immer mit „range“ übersetzen, nicht mit „area“.

Eine tolle Aufgabe

Übersetzen strengt an. Es hat überhaupt keinen Sinn, mal eben für ein Stündchen mit der Übersetzung weiterzumachen. Bis ich wieder drin bin im Thema, ist das Stündchen vorbei. Also: Ganze Vormittage oder Tage einplanen und nichts anderes machen. Nach solch einem Übersetzungstag darf mich zuhause niemand mehr ansprechen, höchstens wortlos einen Espresso reichen - der Akku ist leer!

Alles in allem ist dies aber eine sehr befriedigende Arbeit. Zu sehen, wie das Handbuch wächst, macht Freude. Ist es dann fertig, kommen die Menübefehle und Dialogfenster dran…. Und wenn das Programm in englischer Sprache veröffentlicht wird, bin ich mindestens so stolz darauf wie der Programmautor.

20. April 2015, von Christiane Forst-Reuter

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