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Weltmeister singen!

Weltmeister singen!

Meine Barbershop-Erlebnisse in Kanada…

Ich singe Sopran in einem gemischten Chor. So weit, so normal. In meiner Familie gibt es einige schwer abhängige Barbershopsängerinnen, so z.B. eine meiner Schwestern. Im Sommer 2013 ergab es sich, dass ich mit dieser zu den Weltmeisterschaften im Barbershopchor- und -quartettsingen der Männer nach Toronto fuhr.

Was ist Barbershop?!

Wenn Sie an dieser Stelle sagen: „Barbershop? Kenn’ ich nicht!“, empfehle ich einen kurzen Ausflug auf die Internetseite der deutschen Organisation BinG! Barbershop in Germany e.V. Hier wird kurz, knapp und verständlich erklärt, was die Besonderheiten dieser Art von Gesang sind:

BinG!

 

Der Barbershopgesang ist in den USA und Kanada das, was bei uns das ganz „stinknormale“ Chorsingen ist. In jedem kleinen Ort gibt es einen Chor – getrennt nach Männern und Frauen. Die Geschlechter werden von völlig unterschiedlichen Organisationen vertreten – Chöre sind ähnlich wie bei uns staaten- und dann landesweit organisiert. Allein ca. 23.000 Männer singen in Barbershopchören und -quartetten in den USA und Kanada.

Chöre, die eine Goldmedaille bei Weltmeisterschaften gewonnen haben, müssen zwei Jahre lang aussetzen. Quartette mit Goldmedaille sind „champions forever“, denn sie dürfen in dieser Zusammensetzung nicht noch einmal bei Weltmeisterschaften antreten (das wird später noch wichtig!). Soviel zum Hintergrund.

Buchstäblich mitreißend…

Auf das, was mich in Toronto erwartete, war ich nicht vorbereitet: Zehntausende Menschen versammelten sich drei Tage lang in einer riesigen Halle, um 48 Quartette, 26 Studentenquartette und 29 Chöre auf ihrem Weg durch die Vorrunden bis hin zum Finale zu begleiten. Ein Wahnsinns-Gemeinschaftserlebnis, dem ich mich als „Fachfremde“ dennoch nicht vollständig entziehen konnte. In einer Halle zu sitzen, in der weit mehr als 10.000 Menschen gemeinsam jubeln oder (am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag) die Nationalhymne singen – das hat eine unglaubliche Kraft.

Während der Meisterschaften in Toronto konnte ich beobachten, dass sich ständig und an jedem nur denkbaren Ort vier fremde Männer zusammenfanden (ein Bass, ein Bariton, ein Lead, ein Tenor) und spontan zusammen sangen. Alle Barbershopper haben ein gemeinsames Grundrepertoire, aus dem sie schöpfen können. Außerdem singen sie leidenschaftlich gerne die letzten vier, meist besonders reich ausgestalteten Takte eines Stückes, „tag“ genannt. „Tag“-Singen ist ein echter Sport unter Barbershoppern...

Jeder mit jedem

Jeder singt mit jedem/r, da wird kein Unterschied gemacht, ob man berühmt in der Szene oder ein blutiger Anfänger ist. So kam es, dass ich in einer U-Bahn-Station in Toronto mit vier netten, älteren Herren das einzige Barbershopstück sang, das ich beherrsche: „Heart of my Heart“ (Danach sangen wir noch „Ein Prosit der Gemütlichkeit“…!). Erst viel später erfuhr ich, dass diese vier Herren die Weltmeister aus dem Jahr 1975 waren…

Was mir langsam, aber sicher völlig klar wurde, war, dass ein amerikanischer Barbershopchorsänger ohne Probleme die gesamte Freizeit seines gesamten (Sänger-)Lebens mit Barbershop verbringen kann. Viele tun das auch. Anders als bei uns hat der amerikanische Barbershopsänger eine tiefe emotionale Bindung nicht nur an seinen Chor, sondern auch an seine übergeordnete Organisation. Die Frage lautet nicht: „Was tut der Chor/die Organisation für mich?“, sondern: „Was kann ich dafür tun, dass der Chor weiterkommt, die Organisation Geldspenden erhält, neue Mitglieder geworben werden?“ Ein gegenseitiges Geben und Nehmen… Haben Sie eine emotionale Bindung an den Mitteldeutschen Sängerbund? Ich nicht..!

Ich kann Ihnen nur empfehlen: Hören Sie sich das Ganze mal an! Stimmt schon, Toronto liegt nicht gerade auf dem Weg, aber auch die deutsche Barbershop­gemeinde ist sehr aktiv. Halten Sie doch mal Ausschau nach einem Barbershop­konzert in Ihrer Nähe. Oder tragen Sie sich die deutschen Meisterschaften vom 4. bis 6. März 2016 in München in Ihren Kalender ein:

Meisterschaft

Aber Vorsicht - die Suchtgefahr ist groß!

Die Halle leert sich

[Pause - Die Bühne ist leer, die Besucher strömen nach draußen]

1. Oktober 2015, von Christiane Forst-Reuter